Thank you and farewell,
Aaron Watkin!

Interview

Tradition und Innovation gehen für mich Hand in Hand

Der Ballettdirektor Aaron S. Watkin verlässt nach 17 Jahren die Semperoper in Richtung London. Er blickt auf eine langjährige Erfolgsgeschichte zurück, die viele Höhen, aber auch Tiefen, wie die Corona-Pandemie, hatte.

Aaron, wie war die Situation in Dresden als du 2006 an die Elbe kamst?
Als ich 2006 nach Dresden kam, war die Stadt noch mitten im Wiederaufbau begriffen. Große Teile der Altstadt waren bereits saniert, aber an vielen Stellen wurde noch gebaut, erneuert und es war noch lange nicht fertig. Irgendwie passte dieser Umstand zu meiner Situation: Ich fand an der Semperoper eine Ballettcompany vor, die ich zwar schon kannte, weil ich schon mit ihr gearbeitet hatte, aber meine Aufgabe als Ballettdirektor war nun, etwas Neues aufzubauen. Ich brachte neue Künstler:innen mit und hatte das Gefühl, Stadt und Company werden gemeinsam neu aufgebaut und wachsen miteinander.
Ich würde sagen, meine Vision bestand darin, die Tradition zu pflegen, zum Leuchten zu bringen und gleichzeitig die Innovation im Tanz, das Zeitgenössische, voranzutreiben. Das war die Grundlage von allem, was ich hier gemacht habe.

Du hast viele namhafte Choreograf:innen und ihre Werke nach Dresden geholt, viele haben für das Semperoper Ballett Uraufführungen kreiert. Wer hat am meisten die Tanzsprache der Company geprägt?
Gleich mein erstes Programm, ein mehrteiliger Ballettabend, „Wiedergeburt und Auferstehung“, wurde von der Idee eines gemeinsamen Wachsens inspiriert. Ich wollte mit drei sehr wichtigen Choreografen, die ich unserem Publikum zeigen wollte und die eine sehr enge Beziehung zu mir haben, Tradition neben Innovation stellen. Der erste ist für mich George Balanchine. Er ist ein zeitloses Genie und auch seine Stücke sind zeitlos. Sie sehen aus, als ob sie erst gestern oder sogar heute entstanden sein könnten, stammen aber aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Innovation wollte ich durch den jungen, aufstrebenden Choreografen David Dawson nach Dresden bringen. Er kreierte für die Eröffnung eine Uraufführung und sollte in den kommenden Jahren als Hauschoreograf das Bewegungsvokabular der Company formen und prägen. Beide Stücke rahmten die Dresdner Erstaufführung von Willam Forsythes „Enemy in the Figure“ ein. Forsythe war maßgeblich daran beteiligt, dass ich diese Position in Dresden bekam und es war mir sehr wichtig, auch eines seiner Stücke zu zeigen. Das Programm war ein wirklich dynamisches, aufregendes mit sehr unterschiedlichen Welten – klassisch, neoklassisch, modern und zeitgenössisch. Das war mein Statement für den Beginn und die Arbeit. Die Prägung dieser drei Choreografen zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Zeit hier.
Natürlich gab es auch viele andere Handschriften, die ich dem Dresdner Publikum zeigen wollte. Vor allem in meinen mehrteiligen Ballettabenden hatte ich die Möglichkeit, so viele verschiedene Tanzsprachen wie möglich zu zeigen, das Publikum daran teilhaben zu lassen. Ich hatte Choreograf:innen hier wie Ohad Naharin, Mats Ek und Jiří Kylián, die großen Meister des vergangenen Jahrhunderts und dann junge kreative, dynamische Leute wie Alexander Ekman, Stijn Celis, Johan Inger, Helen Pickett und natürlich Pina Bausch. Die Liste ließe sich unendlich weiterführen bis hin zu unseren jungen Choreograf:innen aus der eignen Company.

Der Horizont der Company reicht von klassisch bis zeitgenössisch. Du selbst hast vor allem Klassiker der Ballettliteratur für Dresden choreografiert oder „frisch gemacht“, wie du es selber nennst. Welchen Stellenwert hat das Klassische in Dresden?
Es war wichtig, neben den mehrteiligen Programmen auch abendfüllende Stücke auf den Spielplan zu setzen und so habe ich mich in meinen ersten Jahren stark auf die Wiederbelebung der Klassiker wie „La Bayadère“, „Schwanensee“, „Der Nussknacker“ oder „Dornröschen“ konzentriert. Wir hatten an diesem fantastischen Haus die Kapazitäten in Technik und Ausstattung. Ich wusste, unser Publikum – wie jedes Publikum – liebt klassische Ballette. Das gab uns Sicherheit in der Publikumsbindung und in anderer Hinsicht die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, etwas zu wagen in der Wahl unserer Choreograf:innen. So konnten wir beides zeigen.

Was siehst du als deine größten Erfolge in Dresden?
Ich denke, dass wir es nach vielen Jahren geschafft haben, Pina Bauschs „Iphigenie auf Tauris“ nach Dresden zu bringen und es als erste Company nach dem Wuppertaler Tanztheater zu tanzen, das ist wirklich eins meiner Highlights unter den vielen großartigen Stücken der letzten 17 Jahre. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir das realisieren konnten. Ich würde sagen, ein weiteres wichtiges Projekt ist für mich Crystal Pites „Plot Point“, das in der kommenden Spielzeit nun endlich erstmals überhaupt in Deutschland zu sehen sein wird. Leider werde ich dann nicht mehr dabei sein, freue mich aber, dass es nach acht Jahren Planung (!) und Verschiebung durch die Corona-Pandemie nun endlich möglich sein wird, dem Dresdner Publikum die Kunst dieser großartigen aus Kanada stammenden Choreografin zeigen zu können. Es gäbe hier noch viele Stücke, die ich aufzählen könnte. Wichtig sind mir aber auch in Hinsicht auf die einzigartige Identität unserer Company die Tourneen, die wir ab der sechsten Spielzeit gemacht haben. Mit unserem dann schon sehr breitgefächerten Repertoire wurden wir viel eingeladen und waren u. a. in Südafrika, Amerika, Singapur, Adelaide, London und allein drei Mal in Paris. Seither wird die Dresdner Company auch international anders wahrgenommen.

Wie hat sich die Company entwickelt?
Die Herausarbeitung einer zwischen Kunst und Persönlichkeit eng miteinander verwebten Company-Kultur ist neben der Schaffung einer einzigartigen Identität der zweite große Bereich meiner Vision von Tanz, so wie ich ihn hier in Dresden versucht habe, zu initiieren und aufzubauen. Ich finde es wichtig zu wissen, was unsere Identität als Künstler:innen und Menschen ausmacht. Nur wenn wir wissen, wer wir sind, wissen wir, was wir zu bieten haben. Alle unsere Tänzer:innen sind individuelle Persönlichkeiten und werden als solche gefördert – auch auf der Bühne. Das nimmt auch das Publikum wahr. Darüber hinaus ›sind‹ wir nicht nur jede Choreografie, die hier aufgeführt wird. Wir sind auch die Beziehungen, die wir zu den Choreograf:innen pflegen. Aber auch der Umgang im Haus, mit den Gästen der Company etc. Jeder fühlt sich wohl, wenn er bei uns arbeitet. Die Tänzer:innen sind sehr zugewandt und offen. Diese Kultur haben wir von Anfang so aufgebaut und ich finde, es funktioniert!

Welche Gedanken nimmst du mit nach London?
Vor allem Dankbarkeit und dass ich in Dresden viel gelernt und tolle Erfahrungen gemacht habe. Ich hatte hier so viele Möglichkeiten, meine Ideen zu entwickeln und umzusetzen, vor allem in den ersten zehn Jahren, und dazu ein tolles Team an Mitarbeiter:innen. Die Covid-Zeit war für uns alle hart und danach war es wirklich schwer, zu der Arbeit, wie wir sie gewohnt waren, zurückzukehren. Alles hat sich verändert und wir mussten einen neuen Modus finden. Aber das haben wir geschafft!
In gewisser Weise schließt sich für mich mit unserer aktuellen Ballettpremiere „White Darkness“ ein künstlerischer Kreis hier in Dresden. In dem Dreiteiler wird mit dem neo-klassischen Meisterwerk „The Second Detail“ von William Forsythe ein Stück zu sehen sein, das mich schon seit meiner zweiten Spielzeit hier begleitet. Ich bin selbst sehr gespannt darauf, „The Second Detail“ mit meiner heutigen Company erneut vorzustellen. Das ist für mich ein großartiger Abschluss und ich bedanke mich bei allen damit für 17 Jahre Treue und Unterstützung des Semperoper Ballett.

Das Gespräch führte Juliane Schunke.


WHITE DARKNESS
Dreiteiliger Ballettabend
THE SECOND DETAIL (Choreografie William Forsythe)
HALF LIFE (Choreografie Sharon Eyal)
WHITE DARKNESS (Choreografie Nacho Duato)

PREMIERE am 03. Juni 2023 in der Semperoper mit offizieller Verabschiedung von Ballettdirektor Aaron S. Watkin

https://www.semperoper.de/ white-darkness

Copyright: Semperoper/Jubal Battisti

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