Förderprojekte 2022

AIDA – Neuinszenierung in Dresden mit der Unterstützung der Stiftung Semperoper

Spielzeit 2021/22

Auch wenn die Werke von Giuseppe Verdi auf deutschen Bühnen und in Dresden immer (nach)-gespielt wurden: Im polit-ästhetischen Diskurs hatte es der Italiener vor allem gegenüber seinem Komponistenkollegen Richard Wagner, mit dem er weitaus mehr als nur das Geburtsjahr 1813 teilte, schwer. Im Diskurs wurden dabei „deutsche Tiefgründigkeit“ gegen „italienische Oberflächlichkeit“, „Musikdrama“ gegen „Oper“, „Harmonie“ gegen „Melodie“ und „Symphonik“ gegen „Leier­kasten­musik“ ausgespielt. (Stellvertretend für viele, diene hier ein Zitat von Richard Strauss von 1886: „Gestern Abend Aida, scheußlich. Indianer­musik.“)

1913 – im Jahr des 100. Geburtstags beider Komponisten – wurde in Deutschland Richard Wagners ausgiebig gedacht, Giuseppe Verdi fand nur gelegentlich Erwähnung. Aber in der Arena von Verona wurde zum ersten Mal „Aida“ gespielt – und der Dichter Franz Werfel befasste sich mit einem Buchprojekt, das schließlich 1924 unter dem Titel „Verdi. Roman der Oper“ herauskommen sollte. Der Roman erdichtet eine nur knapp durch den Tod Wagners in Venedig verhinderte, persönliche Begegnung der beiden Komponisten in der Lagunenstadt und setzt sich intensiv mit Verdis Überlegungen zur Oper und vor allem auch seinem Verhältnis zum Schaffen Richard Wagners auseinander. Quintessenz: Beide Ausprägungen, Oper wie Musikdrama, sind Kunstformen sui generis.

Werfels unüberhörbare, in dem Bestseller zum Ausdruck gebrachte Begeisterung für Melos und Zauber der menschlichen Stimme beförderte eine sich ändernde Wahrnehmung Giuseppe Verdis. Um den Werken auf den Bühnen aber zu einer Renaissance und Neubewertung zu verhelfen, brauchte es mehr als „nur“ einen Roman. Franz Werfel machte sich daran, zum Teil dichterisch recht frei, neue deutsche Singfassungen von „Die Macht des Schicksals“ (1925), „Simone Boccanegra“ (1929) und „Don Carlos“ (1932) zu erstellen. Weitere Übersetzungen waren geplant, kamen aber wegen der erzwungenen Emigration aus Deutschland nicht mehr zustande.

Für die musikalische Welt selbst wurde der Dirigent Fritz Busch die treibende Kraft der Verdi-Renaissance. Während seiner Zeit als Generalmusikdirektor an der Dresdner Oper von 1922 bis 1933 standen zeitweise bis zu zehn Opern Giuseppe Verdis auf dem Spielplan – und sein Dirigat der „Macht des Schicksals“ in der Fassung von Franz Werfel 1926 gilt als Markstein dieser Neubewertung. Weitere Verdi-Opern, die Fritz Busch selbst dirigierte, waren „Othello“, „Falstaff“, „Amelia“ („Un ballo in maschera“), „Der Troubadour“ und „Don Carlos“. Anlässlich der Premiere von „Die Macht des Schicksals“ konstatierte Karl Schönewolf, Feuilletonchef bei den Dresdner Neuesten Nachrichten: „Von Fritz Busch geht ja ein guter Teil der aufblühenden Verdi-Renaissance in Deutschland aus. Mit den Verdi-Aufführungen unter Busch wurde die Dresdner Staatsoper maßgebend über die Grenzen des Reiches hinaus.“ Und Fritz Busch selbst hielt in seinen Erinnerungen fest: „In jahrelangen Erfahrungen überzeugte ich mich davon, dass über den Begriff ‚Oper‘ ein weit verbreiteter Irrtum besteht. Man neigt dazu, sie für eine leicht zuzubereitende, dem Verderben kaum ausgesetzte Volksnahrung zu halten. Das Gegenteil ist richtig. Das ‚Oper‘ benannte Gesamtkunstwerk ist das anspruchsvollste und heikelste Erzeugnis, das menschlicher Kunsttrieb überhaupt hervorgebracht hat.“

Giuseppe Verdis „Aida“ erlebte in der Ära Busch 1923 unter der musikalischen Leitung des Ersten Kapellmeisters Hermann Kutzschbach ihre erste Neuproduktion seit der Erstaufführung. Kutzschbach war bereits unter Ernst von Schuch zweiter Dirigent der Hofoper in Dresden. Und Ernst von Schuch war es, der die Dresdner Erstaufführung von „Aida“ 1876 leitete. Das Werk war also an sich „Chefsache“ … 1935 übernahm Karl Böhm die musikalische Leitung der dritten Neuproduktion.

Es ist also gute Dresdner Tradition, dass die Chefdirigenten, die allesamt selbstverständlich zusammen mit der Staatskapelle das romantische deutsche Repertoire in Konzert und Oper pflegten und fortschrieben, auch Giuseppe Verdis Werk befördern. Insofern befindet sich Christian Thielemann mit seiner persönlichen Erstaufführung von „Aida“ in allerbester Linie. Und in der überaus reichen musikalischen Textur, der Verbindung aus farbenreicher Orchestrierung, groß angelegtem musikalischen Tableau, intimen Szenen, prächtigen Chören, Raumklang und berückendem Melos gibt es viel auszuloten und zu entdecken. Auch der erste Gastdirigent der Semperoper Omer Meir Wellber wird sich bei drei weiteren Aufführungen im Juli mit dieser opulenten, aber auch feinfühligen Musik dieses Werks beschäftigen.

Copyright: Semperoper Dresden/Daniel Koch
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